Digitalisierung

China - die Wirtschaftsmacht im Pearl River Delta

Prof. Dr. Christopher Jahns – September 10, 2017

von Christopher Jahns

Falls Sie Bergurlaube und Aussichtsplattformen dank Höhenangst meiden, sollten Sie auf YouTube nicht die Keywords „Rooftopping“ oder „Stegophily“ eingeben. Hier kann man Free Climbing-Freaks beim Hochkraxeln an den Fassaden der höchsten Gebäude der Welt „begleiten“ – selbstverständlich mit GoPro-Cam, aber ohne Sicherungsseil. Ein besonders beliebtes Reiseziel der Szene ist China, denn dort lassen sich gleich vier der TOP-10 der weltweit höchsten Gebäude in einer Rundreise von der Wagnis-Liste streichen.

Interessante Zweckentfremdung, denn chinesische Wolkenkratzer sind natürlich kein Trendsportobjekt. Sondern ein Sinnbild für den rapiden Wandel, den China als Wirtschaftsmacht in den vergangenen Jahrzehnten durchgemacht hat: Deng Xiaopings Wirtschaftsreformen bedeuteten einen radikalen Bruch mit der zentralistischen Planwirtschaft und legten die Grundlage für den Aufstieg des Landes als „Werkbank der Welt“. Aber Chinas Wirtschaft bewies schnell, dass sie mehr kann als billige Massenproduktion: nämlich mit extremer Lernbereitschaft- und Fähigkeit Ideen und Trends der großen global Player zu adaptieren, diplomatisch gesagt. Das ging, etwa in der Automobilindustrie, häufig furchtbar schief und bewies, dass jahrzehntelang entwickeltes Produktions-Know-how nun eben doch nicht einfach per „Copy & Paste“ übertragbar ist. Doch in Summe zeigte sich, dass das Land generell klar auf Wachstumskurs blieb.

Chinas Weg zur Industrie 4.0

Aktuell entpuppt sich die Vorstellung, asiatische und speziell chinesische Unternehmen seien eben nur auf diesen Know-how-Abzug aus, als moderner Wirtschaftsmythos. Das belegt zum Beispiel die „Wiedergeburt“ von Volvo. Oder das Investment beim Mittelständler „Deutsche Mechatronics“. 25 Beteiligungen chinesischer Investoren an deutschen Unternehmen im ersten Halbjahr 2017 zählt die Unternehmensberatung EY (Ernst & Young) in einer Umfrage, zehn Deals weniger als im ersten Halbjahr 2016. Gemessen an der Zahl der Übernahmen, ist China allerdings der viertgrößte Investor in Deutschland.

Wir sollten uns daher endlich von der Vorstellung verabschieden, dass der „Know-how-Transfer“ in Geschäftsbeziehungen mit Partnern aus Fernost als Einbahnstraße verläuft. Im Gegenteil: die Digitalisierung eröffnet so viele Chancen zum beiderseitigen Wachstum wie nie zuvor.

Denn China verfolgt mit seiner staatlichen Initiative „Made in China 2025″ (MIC 2025) sehr ambitionierte Ziele zur Digitalisierung der Kernindustrien des Landes, die teilweise gleich mehrere Stufen zur Industrie 4.0 in nur wenigen Jahren überspringen sollen.

Digital-Tycoons im Pearl River Delta

Zudem existiert in China längst ein sehr agiler, innovations- und umsatzkräftiger neuer Markt mit einer enorm starken Startup- und Investoren-Community, der die Führungsrolle der USA in Sachen Digitalisierung in absehbarer Zeit übernehmen kann. Jedenfalls rate ich CDOs (Chief Digital Officer) und anderen C-Levelentscheidern dringend, den obligatorischen Trip in die Maker Labs des Sillicon Valleys zu verkürzen und zusätzlich das Pearl River Delta in der südchinesischen Provinz Guangdong zu besuchen, wo Unternehmen wie HuaweiZTE und Tencent ansässig sind. Vielleicht treffen sie dort ja sogar auf einen der chinesischen Digital-Tycoons, die mit ihren Milliardeninvestitionen im In- und Ausland nicht nur die Zukunft Chinas ganz entscheidend mitgestalten:

So hat der ehemalige Englischlehrer Jack Ma zum Beispiel mit der Alibaba Group (chinesisch阿里巴巴集) die, nach eigenen Angaben, größte IT-Firmengruppe des Landes geschaffen. Deren gleichnamige B2B-Plattform Alibaba.com sowie ihr Online-Auktionshaus Taobao mögen zwar in Europa kaum bekannt sein. Mit 50.000 Mitarbeitern und Beteiligungen u. a. von Yahoo und Softbank ist das Unternehmen aber längst ein Global Player der Digitalisierung. Oder Liu Qing, die als Chefin des Online-Taxidienstes Didi-Chuxing in den vergangenen Monaten immer wieder mit milliardenschweren Kapitalspritzen von Investoren u.a. den Hauptwettbewerber Uber aus dem chinesischen Markt drängte. Zeitweilig wurde Didi mit rund 50 Milliarden Dollar als eines der teuersten Start-ups in der Volksrepublik bewertet.

Die Dimensionen zeigen, dass in Punkto Investitionen noch viel Luft nach oben ist – und deutsche Unternehmen gut beraten sind, die Chancen zu nutzen, die sich aus Kooperationen mit chinesischen Partnern bei der Digitalisierung ergeben können. Und wer weiß, vielleicht gibt es in Zukunft auch Rooftop-Videos von der Spitze eines deutsch-chinesischen TOP-10-Wolkenkratzers im Pearl River Delta?

Herzlichst, ihr Christopher Jahns

 

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